Seitenblicke

Seitenblicke – dem Tunnelblick entrinnen

Schon so lange wollte ich einmal etwas zum Thema Seitenblicke schreiben. Nicht nur geradeaus, sondern auch einmal links und rechts schauen. Eine Distanz schaffen und die Lage aus einer anderen Perspektive betrachten. Das ist eigentlich ein guter Ratschlag und müsste noch von manchem, vor allem auch von Politikern beherzigt werden.

In meinem Leben hat sich einiges verändert, seit ich beschlossen habe aktiver zu werden. Einem Engagement folgte das nächste. Begonnen hat es etwa 2010, als ich der SP Elgg beigetreten bin. Ich war sehr froh, dass ich den Präsidenten Erich Wegmann bereits zuvor anderweitig kennenlernen durfte und er mich unverbindlich an eine Sektionsversammlung einlud. Das war die Chance meine Schüchternheit zu überwinden und diese Leute kennenzulernen. Ich wurde unglaublich freundlich aufgenommen. Dafür bin ich noch heute dankbar. Diese gegenseitige Sympathie ist es unter anderem, die mich bewegt mich einzusetzen und welche mir Kraft spendet.

Es ging nicht lange, da wurde ich für einen Beitritt in den Vorstand angefragt. Ich freute mich sehr, war ich doch noch nicht lange dabei, hatte aber Ideen und Fähigkeiten, welche ich einbringen konnte. So wurde ich an der GV im Jahr 2011 in den Vorstand gewählt.

Diese Funktion ermöglichte mir sodann tiefere Einblicke in die Lokalpolitik zu erhalten. Man tauscht sich mit anderen Parteien und dem Gemeinderat aus. Es gibt einen gewissen Blick „hinter die Kulissen“. Im Bewusstsein, dass dieser Blick eingeschränkt ist und sicher nicht umfassend. Aber immerhin. Ich dachte oft, dass diese Informationen sehr spannend sind und sicherlich auch weitere Mitbürger interessieren würden. Wir haben die Möglichkeit, unsere Mitglieder an den Sektionsversammlungen zu unterrichten, was im Dorf so läuft oder in der Lokalzeitung darüber zu schreiben. Trotzdem ist es nicht die selbe Qualität. Ich habe gelernt, dass wer sich aktiv einbringt und interessiert ist, auch mehr involviert wird und dementsprechend auch mehr gestalten kann. Es bedingt also eine Eigeninitiative, welche viele nicht aufbringen möchten oder mögen.

Der Weg in den Kantonsrat

Wahrscheinlich fragt sich niemand mehr als ich, ob dieser Weg der „richtige“ ist. Ob sich der Aufwand lohnt und der Stress, der damit verbunden ist. Ich habe auf diese Fragen noch keine abschliessende Antwort gefunden.
Doch wie wird man überhaupt Kantonsrat oder Kantonsrätin? Klar, man muss gewählt werden, doch davor gibt es einige Schritte. Ich wurde angefragt, ob ich mir eine Kandidatur vorstellen könnte. Wer mich kennt, weiss, dass ich mir diese Entscheidung nicht einfach gemacht habe. Ich wollte diese Entscheidung alleine treffen und mich doch beraten lassen, was dies für mich bedeuten könnte. Nach einigen Gesprächen habe ich dann zugesagt. Als erstes musste ich mich parteiintern bewerben. Ich füllte einen Fragebogen aus zu meiner Person und meinen Vorstellungen für einen Wahlkampf, meinen Themen und dem Engagement, das ich bereit bin zu leisten. Nach dem Motto, wennschon – dennschon, wollte ich mich auch aktiv einbringen und kein Listenfüller-Dasein fristen.

Von einer internen Findungskommission wurde ich daraufhin eingeladen und musste mich in einem Hearing (wieder so ein schrecklicher englischer Ausdruck, aber Anhörung klingt wohl zu hart) vorstellen. In einer halben Stunde musste ich mich vorstellen und zu meiner Kandidatur Stellung nehmen. Ich war sehr nervös, aber es waren alle sehr nett zu mir und hörten sich auch meine Bedenken an. Immerhin hatte ich noch kein politisches Amt inne und verfüge nicht über jahrelange politische Erfahrung.

Nach den Hearings wurde von der Findungskommission eine Liste mit Kandidierenden für den Kantonsrat zu Handen der Mitgliederversammlung herausgegeben. Ich wurde nach zwei bisherigen auf der Landliste auf den dritten Platz gesetzt. Relativ schnell freundete ich mich mit diesem Platz an und bin nach wie vor glücklich damit.

Als nächstes galt es, die Mitgliederversammlung zu bewältigen. Die Nomination und Absegnung der Liste! Ich bereitete mich mit einem Text vor, denn ich wusste, dass mich diese Situation sehr nervös machen würde. Zudem standen 20 Kandidatinnen und Kandidaten von der Stadt und dem Land auf der Traktandenliste, die sich vorstellen sollten. Der Zeitplan war also äussert knapp. Würde sich jeder um mehrere Minuten verquatschen, würde der Abend nicht mehr enden. So habe ich meinen Text auf mein Zeitbudget abgestimmt und natürlich Werbung für meine Homepage gemacht. Als Informatikerin ist das etwas, das ich anbieten kann. Sowieso finde ich ja, dass das jeder machen müsste. Sowohl vor, wie auch nach der Wahl. Damit man in etwa eine Ahnung davon hat, was diese Kantonsräte während ihrer Arbeit so treiben.

Meine Vorstellung kam gut an, was mich sehr freute und auch sehr erleichterte. Es gab auch keine Diskussion um meine Kandidatur, so dass die Liste verabschiedet wurde und ich nun Kandidatin für den Kantonsrat wurde! So geht das also!

Besuch im Kantonsrat

Seit dem war ich an verschiedenen Veranstaltungen der SP. Ich konnte die anderen Kandidatinnen und Kandidaten kennenlernen. Gemeinsam waren wir auch zu Besuch im Kantonsrat, um einen Einblick zu erhalten und eine Vorstellung davon, was auf uns zukommen würde. Es war mein zweiter Besuch im Rat und ich war nicht so schockiert, wie das erste Mal. Ich muss zugeben, dass mich das Gewusel und Geschnorre zu Beginn sehr überrascht hatte und es einen denkbar schlechten Eindruck machte. Als Zuschauer, der dazu angehalten wurde nur leise zu sprechen und sich zu benehmen, hatte man das Gefühl, auf einen wilden und undisziplinierten Haufen zu blicken. Ich sprach das dann auch an während der Znünipause und erhielt die Antwort, dass halt „in den Kommissionen die Arbeit getan würde“. Wirklich sinnvoll erschien mir diese Antwort nicht, denn der Zuschauer hat ja keinen Einblick in die Kommissionen, nur in die Ratssitzungen. Ich lernte dann, dass die Sitzungen keine wirklichen Diskussionen sind, sondern gewissermassen eine Show für die Zuschauer und die Medien mit der darauf folgenden Abstimmung. Weder neue Fakten, noch neue Ideen, weder neue Erkenntnisse, noch Einsichten gibt es während diesen Sitzungen.

Glücklicherweise konnte ich davon überzeugt werden, dass die Arbeit in den Kommissionen sehr spannend sei und tatsächlich dort die interessanten Diskussionen stattfänden. Jedes Ratsmitglied in einer Kommission wird zu einem Experten über das behandelnde Thema und berichtet den anderen Mitgliedern darüber. Die Themenvielfalt ist so gross, dass es kaum möglich ist, über jedes Thema im Detail Bescheid zu wissen.

Der Auftrag des Parlaments ist es Gesetze zu erlassen. Dazu ein Artikel der Zeit, den ich heute gelesen habe: http://www.zeit.de/2015/06/schweiz-juristen-alain-griffel/komplettansicht Darin wird berichtet, dass die Qualität der Gesetze nachlasse und sich Politiker von Experten nichts sagen lassen wollen. Ein sehr interessantes Thema! Das Parlament sollte ein Spiegel der Bevölkerung sein, damit es deren Interessen vertreten kann. Die Juristen sind heute sicher bereits überproportional vertreten. (Ich suche noch nach einer Statistik, welche das Verhältnis der Berufe der Parlamentarier mit den Berufen der Bevölkerung vergleicht.) Welche sind nun die besseren Politiker? Gibt es eine geeignete Ausbildung für einen Politiker? Oder würde man sich mit jeder Ausbildung von einem geeigneten Politiker entfernen?

Tatsache ist und bleibt, dass es eine Wahl zu gewinnen gilt. Dafür braucht es auch Werbung. Postkarten und Plakate wurden mit meinem Konterfei gedruckt. Ein seltsames Gefühl! Etwas surreal… Sollte mich doch bitte niemand meines Aussehen wegens, sondern doch bitte nur aufgrund meiner Überzeugung wählen. Aber es ist halt Teil des Spiels, welches es zu spielen gilt. Ich durfte bereits an zwei Anlässen teilnehmen und Werbung für mich machen. Einmal in Seuzach beim Wahlkampfauftakt und am vergangenen Samstag bei der Besichtigung der Bärenhof-Baustelle. Beides Mal mit der Regierungsratskandidatin Jacqueline Fehr. Ich mag sie ja sehr! Sie tritt auch sehr souverän und schlagfertig auf, was es etwas schwierig macht, neben ihr aufzutreten und als Newcomer etwas sinnvolles zu sagen. Aber ich gebe mein Bestes! Ich habe in den vergangenen Wochen schon so viel gelernt und Erfahrungen gesammelt, die mir niemand mehr nehmen kann.

Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Wenn auch der Weg unsicher ist, er ist das Ziel – mein Ziel. Ich möchte diese Aufmerksamkeit, die mir nun zuteil wird nutzen, um etwas zu bewirken. Ich möchte Verständnis schaffen für die Politik, möchte das was ich gerlernt habe weitergeben. Möchte den Finger darauf richten, was mich stört und Fragen stellen, auch wenn diese unangenehm sein mögen. Auch ich werde mich diesen stellen. Ich bin mir sicher, daran zu wachsen. Und das sollte doch unser aller Ziel sein.

 

2 Kommentare

  1. Ein toller Einblick! Und so freue ich mich auf viele weitere spannende Blogbeiträge.
    Auch auf diesem Weg wünsche ich dir viel Erfolg auf deinem politischen Weg.

    • Ich schliesse mich Cécile vorbehaltlos an. Toller Beitrag!!
      Als Jungpolitikerin kannst und sollst Du Dich nicht mit Jacqueline Fehr messen, die spielt in einer andern Liga: Sie hat eine langjährige Erfahrung in der Politik und könnte vom Alter her Deine Mutter sein. Ich gehe davon aus, dass sie ihre Berater hat und auch Rhetorikkurse absolvierte. Ihre Auftritte beeindrucken mich sehr.
      Aber Du kannst Dich an Ihr orientieren, sie zum Vorbild nehmen, ohne dabei zu verpassen, Deinen eigenen Stil zu entwickeln. Und so wie ich es einschätze, hast Du den schon zu entwickeln begonnen.
      Ich freue mich auf jeden Fall, mit Dir den Wahlkampf (auf dem 6. Platz) bestreiten zu dürfen. Und hoffe nach wie vor, dass DU das Rennen machst oder für die SP einen zweiten Sitz eroberst.

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