Der Wert des Technikums

Diese Woche wurde bekannt, dass die Leitung der ZHAW plant das traditionsreiche Technikum Winterthur nach Dübendorf zu zügeln.

Artikel des SRF vom 30.10.14 (http://www.srf.ch/news/regional/zuerich-schaffhausen/man-naehme-ein-stueck-winterthur-weg)

Ich muss vorausschicken, dass ich mich nicht neutral zu diesem Thema äussern kann. Ich war selbst Studentin dieser Schule und bin daher voreingenommen. Und: ich bin gegen einen Umzug.

Meine Zeit an der ZHAW

Ich habe selbst am Technikum oder wie es auf Neudeutsch heisst der „School of Engineering“ studiert und zwar im Studiengang Unternehmensinformatik. Es ist noch nicht lange her, da wurde das Bachelor/Master-System eingeführt und der Diplomstudiengang Kommunikation und Informatik (KI) zum Bachelor-Studiengang Unternehmensinformatik (UI) umgebaut. Doch auch dieser Studiengang gehört bereits wieder der Vergangenheit an. Die zu meiner Zeit bestehenden Studiengänge Systeminformatik und Unternehmensinformatik wurden zu einem Studiengang Informatik fusioniert.

Es braucht Zeit um einen Studiengang so zu gestalten, dass er gut funktioniert. Es braucht Zeit die Unterlagen den neuen Anforderungen anzupassen. Es ist für die Dozentinnen und Dozenten ein grosser Stress Lernziele zu streichen oder zu ändern und den neuen Gegebenheiten anzupassen. Darunter leidet der Unterricht. Und er hat tatsächlich gelitten, zumindest was unseren Studiengang anging. Die Motivation der einzelnen Dozenten (die Damen schliesse ich hier explizit aus) war teilweise desaströs. Die Methoden – gerade für einen Studiengang, der sich der Zeit anpassen müsste – waren veraltet, wenn nicht sogar steinzeitlich. Doch das war nicht alles.

Chaotische Zustände

Unfassbare Situationen spielten sich während des Studiums ab. Um nur einige Beispiele zu nennen: An einer Semesterendprüfung ist der Dozent, welcher die Prüfung abnehmen sollte, mit einer dreissig minütigen Verspätung erschienen. Offenbar gab es Stau auf der Autobahn, zudem musste er noch vor Beginn die Prüfungsunterlagen kopieren. Leider ging beim Drucker der Bostitch nicht. Das Bostitchen holte er dann während der Prüfung nach, als er Aufsicht hielt. Das kostete uns Studierenden noch den letzten Nerv.

Ein anderes Mal hatte ein Dozent die angekündigte Semesterendprüfung (diesmal mitten im Semester angesetzt) einfach vergessen. An jenem Tag hatte ich ein Bewerbungsgespräch, also verliess ich, als die Zeit knapp wurde, den Prüfungssaal. Es herrschte grosse Verunsicherung und Chaos.

Während der Bachelor-Arbeit stellte uns die Schule Server ihrer eigenen Infrastruktur zur Verfügung. Während zwei Wochen waren diese nicht verfügbar, da es in ihrem Rechenzentrum offenbar einen „Meltdown“, wie unser betreuender Dozent es nannte, gegeben hatte. Der verantwortliche Dozent weilte in dieser Zeit in einem Sabbatical auf der anderen Seite der Erde. Die Schule, welche Informatiker ausbildet, ist nicht in der Lage ihre eigene Informatik-Infrastruktur am Laufen zu halten.

Es mangelt an guter Führung

Bringen wir es doch auf den Punkt: Es mangelt an guter Führung! Ich habe mich mehrfach bei der Direktorin und dem Studiengangleiter beschwert – passiert ist nichts. Im Gegenteil! Die Vorfälle wurden beschönigt! Es könne ja mal vorkommen, dass ein Dozent eine Semesterendprüfung vergesse… Ein halbes Jahr später behauptete ein Dozent an einer Aussprache gar, er sei an einer Semesterendprüfung anwesend gewesen, obwohl dies gar nicht der Wahrheit entsprach.

Die Organisation war desaströs und ich war sehr enttäuscht von meiner Ausbildung. Ich habe mehr erwartet. Offenbar waren die Verhältnisse in anderen Studiengängen wesentlich besser, was wahrscheinlich auch zu den häufigen Umbauten der Informatik-Studiengänge beitrug.

Seit der Umstellung auf das Bachelor/Master-System und der „Aufwertung“ der Fachhochschule zu einer Hochschule, ist auch die Forschung zu einer Aufgabe der Schule geworden. Dies führte dazu, dass die Lehre weiter an Bedeutung und Qualität verlor. Die Forschung bringt Prestige und Geld, die Lehre dagegen den Undank der Studenten. Hier sind die Prioritäten völlig falsch gesetzt.

Ausbaufähiger Standort, ideale Lage

Während meines Studiums gab es eine Ausstellung von Architekturstudenten der ZHAW. Sie sollten ein Modell erstellen, wie das heutige Technikum umgebaut und für die Studentinnen und Studenten attraktiver gemacht werden könnte. Diese Vorschläge waren sehr schön und innovativ. Die Eulach, welche hinter dem Technikum durchfliesst, wurde zu einem kleinen Naherholungsgebiet aufgewertet, was nicht nur einen Mehrwert für die Studierenden bringen würde, sondern für die ganze Stadt.

Als das damalige Technikum mit der HWV und der Dolmetscherschule zur ZHW fusionierte, baute man am Standort Technikum mehrere Schulzimmer zu Büroräumlichkeiten um. Heute ist ein rieser Verwaltungsapparat im Technikum untergebracht. Mit den Plänen der ZHAW, die Verwaltung am zukünftigen Standort Werk1 zu konzentrieren, würden viele Räumlichkeiten frei werden und wieder der Lehre zur Verfügung stehen.

Gemäss dem Rektor der ZHAW müsste der Standort Technikum so oder so erneuert werden. Das Bibliotheksgebäude ist beispielsweise nicht erdbebensicher und entspricht nicht mehr den heutigen Vorschriften.

Technikum soll grössere Bedeutung haben

Im Laufe der Jahre wurde das Technikum im Gebilde der ZHAW immer weniger wichtig und wurde durch andere Studiengänge der Departemente Gesundheit oder Linguistik verdrängt. Vielleicht denkt noch jemand an Betriebsökonomen, wenn er den Begriff ZHAW hört, aber eine Ingenieurschule verbindet mit der ZHAW kaum noch jemand. Das ist ein Armutszeugnis! Und dies wird sich auch nicht bessern, wenn das Technikum nach Dübendorf zieht.

Es wird immer wieder vom Fachkräftemangel in der Schweiz berichtet. Wir müssen die Ingenieurausbildung stärken und den Studierenden eine hochwertige Ausbildung bieten, sonst werden uns früher oder später andere Länder den Rang ablaufen. Winterthur ist ein idealer Standort, die ZHAW kann von einer Ingenieruschule am jetzigen Standort nur profitieren. Schliesslich hat dort bereits Albert Einstein unterrichtet! Die Schulleitung soll sich besser auf eine Verbesserung der Lehre konzentrieren und ihre Umzugspläne reduzieren. Die Planung des Areals Werk1 am Standort des Sulzerareals in Winterthur bindet genug Kräfte und reicht für einen Ausbau der Schule. Bevor diese Planung nicht fortgeschritten ist, ist es doch sinnfrei weitere Ausbauten ins Auge zu fassen. Statt grenzenlosem Wachstum tut eine Verbesserung der Qualität mehr als not!

1 Kommentar

  1. Nathanael Sommer-Koch

    November 1, 2014 at 10:44

    Gut geschrieben!
    Als ehemaliger Studienkollege kann ich Dir eigentlich nur zustimmen… Die Zustände waren teilweise katastrophal. Prüfungen mit mehreren Fehlern, so dass gewisse Aufgaben gar nicht lösbar waren und wenn man darauf aufmerksam machte, wurde erst einmal abgestritten, bevor der Dozent dann beim 3. Mal Reklamation überhaupt einmal das Prüfungsblatt ansah.
    Generell sollte die ZHAW vielleicht mal die HSR in Rapperswil besuchen, von da habe ich bisher nur gutes gehört…
    Die spannendsten Zeiten an der ZHAW habe ich jeweils die Arbeiten gefunden. Man konnte selbstständig etwas von A-Z entwickeln. Nicht nach genau vorgegebenem Schema, wie das in den meisten Programmierfächern der Fall war. Wobei auch hier gewisse vorlagen gegeben wurden. So mussten wir in der Bachelorarbeit unbedingt C# verwenden beim Backend, da sie keine Server hatten, die etwas anderes unterstützten. An einer Technischen Hochschule!
    Habe fertig, sei gegrüsst 🙂
    Nathanael

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